Citrix auf der Synergy 2018: Vom VDI-Spezialisten zum Unified-Workspace-Provider

Citrix auf der Synergy 2018: Vom VDI-Spezialisten zum Unified-Workspace-Provider

Der als VDI (Virtual Desktop Infrastructure)-Spezialist bekannte Software-Anbieter Citrix stellte auf seiner diesjährigen Anwenderkonferenz eine neue Produktstrategie vor, die den Entwicklungen im Cloud- und Digital-Workplace-Segment Rechnung trägt. Citrix präsentierte eine Cloud-Plattform für ein „Unified-Workspace“-Management, einschließlich der Integration und Absicherung aller im Arbeitsprozess relevanter Anwendungen, Geräte (und Dinge) und Netzwerke.

Die „neue Citrix“ zeigte sich bislang noch allzu oft im alten Gewand

Die „neue Citrix“, über die wir Ende 2016 erstmals berichteten, ist den meisten Anwenderunternehmen hierzulande noch unbekannt. Hier gilt Citrix gemeinhin noch als VDI-Anbieter, dessen adressierbarer Markt angesichts der Cloud-Migration zunehmend schrumpft. Zwar wurden mit Verweis auf den Cloud-Trend verschiedene Zukäufe in Bereichen wie Netzwerk, Mobile Device Management sowie Filesharing & Synchronisation getätigt. Diese erschienen aber eher als ein Versuch, das Geschäft mit bestehenden VDI-Kunden auszuweiten und so Marktanteile und Margen trotzt fortschreitender Konsolidierung zu sichern. Eine echte Strategie, um sich der zunehmenden Dominanz der Cloud-Plattformen im Workplace-Segment zu erwehren, war dagegen nur schwer zu erkennen.

So bedurfte es Ende 2016 auch noch einiger Fantasie, um echte Synergien zwischen den drei Produktbereichen (Apps, Data, Network) zu erahnen. Das unter dem vormaligen CEO Kirill Tatartinov mantrahaft wiederholte „Any – Any – Any“ (any device, anytime, anywhere) klang eher beschwörend denn wirklich überzeugend. Die Vision in Richtung Workspace IoT war zwar nachvollziehbar, aber noch nicht wirklich greifbar. Showcases und bunte PowerPoint-Folien schön und gut: Wirklich integrierte Angebote waren allerdings noch nicht in Sicht und wie schnell die Ideen in marktreife Services umsetzbar sein würden, blieb abzuwarten.

Synergy 2018 als neuer Meilenstein?!

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung könnte sich die Citrix Synergy 2018 letzte Woche – hier Links zum Mitschnitt der Veranstaltung, insbesondere der Opening Keynote, sowie zur offiziellen Pressemitteilung – als echter Meilenstein erweisen. Citrix agierte hier nicht (mehr) als getriebener Altmeister, sondern präsentierte marktreife Angebote, die eine Weiterentwicklung der UCC (Unified Communications & Collaboration)-Idee in Richtung „Unified Workspace“ darstellen.

Warum „Weiterentwicklung der UCC-Idee“? Im Kern von UCC stand immer schon die Frage, wie sich aus der Vielfalt an Anwendungen, Geräten und Interaktionspunkten eine integrierte Lösung gestalten lässt, die den Anforderungen von Anwendern und IT-Verantwortlichen gleichermaßen gerecht wird. Dieses Versprechen ließ sich angesichts der Komplexität im Workspace-Segment bislang nur halbwegs vernünftig einlösen, wenn sich die Anwender für einen größeren (Cloud-)Plattformanbieter wie Microsoft entschieden.

„Halbwegs“ deshalb, weil sich heutige UCC-Lösungen (zum Beispiel Microsoft Office 365 oder Googles Office-Suite) zumeist auf die Integration zentraler Anwendungen für Kommunikation und Zusammenarbeit beschränken, während der gesamte Workspace oft noch zahlreiche weitere Anwendungen einschließt. Aber gerade das Zusammenspiel zwischen klassischen UCC- und weiteren Workspace-Anwendungen, ob nun Workday oder Salesforce, birgt eine immense, nur schwer handhabbare Komplexität.

Citrix „Unified Workspace“: Anwenderfreundlichkeit gepaart mit Sicherheit

Citrix setzt mit seinen neu formierten Cloud-Services nun eine Ebene höher an als UCC. Der Ansatz – wir nennen ihn „Unified Workspace“ – sieht eine zentrale Schicht für das Management, die Integration und Absicherung aller im Arbeitsprozess relevanter Anwendungen, Geräte (und Dinge) und Netzwerke vor. Dies verspricht eine gleichermaßen anwenderfreundliche und sichere Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter im Unternehmen.

Citrix Abbildung 1

Anwenderfreundlich deshalb, weil die Mitarbeiter innerhalb der Umgebung die von ihnen benötigten Anwendungen und Geräte nach Bedarf quasi frei auswählen und nutzen können (Unified Experience, Secure SaaS, Mobile App, Virtual App Delivery, Cloud Choice & Optimization). Mehr noch: Die Anwender können weitgehend reibungslos zwischen den verschiedenen Anwendungen wechseln (zum Beispiel aus der E-Mail heraus einen Slack-Chat starten und die Kontextinformationen einfach mitnehmen), Informationen weiterverarbeiten und Prozesse anstoßen – und dies, ohne jeweils neue Programmfenster öffnen und sich in neue Bedienlogiken hineindenken zu müssen (Workflows, Productivity). Schließlich sorgt der Layer für einen einfachen Anwendungs- und Netzzugang und eine optimale Anwendungsperformance – je nachdem, wo sich der Mitarbeiter gerade aufhält (Single Sign-On, Federated Access & Identity, Contextual Access & Performance).

Zugleich erhalten die Workspace-Administratoren ein hohes Maß an Kontrolle und Transparenz (zurück). Denn über den Management-Layer laufen sämtliche Nutzungsdaten zusammen. Dies wiederum erlaubt ein integriertes Unified-End-Point-Management und Security-Management. Noch wichtiger: Citrix ist so in der Lage, über den Einsatz von Analytics und Artificial Intelligence für eine erhöhte Sicherheit zu sorgen. So wird es möglich, Nutzerprofile zu generieren, Sicherheitsrisiken und Eskalationen bei den Anwendungen frühzeitig zu erkennen und proaktiv darauf zu reagieren (siehe Abbildung).

Citrix Abbildung 2

Plattform eröffnet neue Perspektiven für Artificial Intelligence im Workspace-Umfeld

Kurzum: Citrix baut an einer mächtigen Plattform, die für Anwender und Administratoren gleichermaßen Mehrwerte bereithält und die das Potenzial hat, im angestammten UCC- und Workspace-Management-Segment neue Akzente zu setzen. Und Citrix verspricht nicht nur, sondern setzt auch um. Alle auf der Citrix Synergy vorgestellten Services werden laut Aussage des Managements innerhalb der nächsten drei Monate auf den Markt gebracht. Offensichtlich ist es dem neuen CEO David J. Henshall gelungen, das Entwicklungstempo noch einmal deutlich zu steigern und gleichzeitig die verschiedenen Citrix-Sparten zu einer echten Einheit zu formen.

Dabei hat die Entwicklung gerade erst begonnen. Das integrierte Workspace-Management birgt erhebliches Innovationspotenzial und eröffnet weitere Perspektiven für den Einsatz künstlicher Intelligenz im Workspace-Bereich. So lassen sich basierend auf den Auswertungen von Nutzerdaten neue Möglichkeiten zur Automatisierung von Prozessen (Robotic Process Automation) identifizieren und zugleich der Einsatz virtueller Assistenten vorantreiben.

Sicher ist die Idee einer zentralen Integrations- und Management-Schicht für die Workspaces nicht ganz neu. Doch die meisten bisherigen Ansätze konzentrierten sich lediglich auf die Integration von SaaS-Anwendungen. Als einer der führenden VDI-Anbieter kann (und muss) Citrix hier eine deutlich höhere Spannweite anbieten. Zugleich kommen in diesem Feld die Zukäufe der letzten Jahre in den Segmenten Netzwerk und Content zum Tragen.

Nichtsdestotrotz bleibt abzuwarten, ob es Citrix gelingt, das Entwicklungstempo aufrecht zu halten und die neuen Angebote auch wie geplant auf die Straße zu bringen. Gerade hier in Europa scheint es dem Unternehmen immer noch schwer zu fallen, das alte Image als VDI-Riese abzustreifen. Vor diesem Hintergrund ist es sicher von Vorteil, dass mit WAGO ein deutsches Unternehmen mit dem Citrix Innovation Award 2018 ausgezeichnet wurde. Dennoch sind noch immense Bemühungen sowohl im Marketing als auch im Sales- und Partner-Enablement notwendig, um Citrix hierzulande als „Unified-Workspace-Management“-Anbieter zu positionieren.

Unser Fazit

Aus unserer Sicht dürfte der Ansatz eines Unified Workspace als Erweiterung des UCC-Gedankens Früchte tragen. Spätestens nach der Synergy 2018 sollten sich Anwenderunternehmen und Partner mit der „neuen Citrix“ und den neu formierten Angeboten eingehend beschäftigen. Ob die Synergy 2018 später als Meilenstein in die jüngere Unternehmensgeschichte eingehen wird, wird wesentlich davon abhängen, inwieweit es dem Anbieter gelingt, Vertrieb und Partner auf die neuen Angebote einzuschwören und hier auch einen Mentalitätswandel anzustoßen.

Bildquellen: Citrix; Mitschnitt der Citrix Synergy 2018: Keynote mit CEO David Henshall