Hannover Messe Industrie 2016 – Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten entwickeln sich!

Die HMI 2016 war für die deutsche Industrie wieder eine außerordentlich interessante Veranstaltung, um den Fortschritt auf dem Weg zu Industrie 4.0 und zur Digitalisierung insgesamt zu zeigen und zu diskutieren.

Auffallend war in diesem Zusammenhang zunächst, dass in diesem Jahr das Engagement der „klassischen“ IT-Anbieter stark gestiegen ist – IBM, HPE, Telekom, Microsoft, SAP, Infosys, Huawei, Accenture, um nur einige Beispiele zu nennen. Hier sehen wir also ein weiteres Indiz für die Wichtigkeit der Zusammenarbeit von IT und Industrie in neuen Geschäftsfeldern und Initiativen mit sich daraus ergebenden großen Chancen.

Die Exponate sind bei einer Industriemesse traditionell greifbarer als bei einer IT-Messe wie z.B. der CeBIT, wenngleich diese im Vergleich zum Vorjahr aber aus unserer Sicht nicht allzu spektakulär gewesen sind.

Besonders zum Hype-Thema 3D-Druck, von dem wir bei der HMI 2016 weitere markante Fortschritte und Show Cases erwartet hatten, war an relativ wenigen Ständen ein konkreter Bezug zu sehen. Dies mag aber daran liegen, dass noch weitere signifikante Fortschritte bei Geschwindigkeit und Preis zu erwarten sind und daher aktuell noch nicht umfassend investiert wird.

Die wirklich wichtigen Entwicklungen spielen sich jedoch im Hintergrund ab. Alle Marktteilnehmer haben die Wichtigkeit der Digitalisierung hinsichtlich Chancen und Risiken verstanden – die Wege dorthin sind insbesondere im Hinblick auf Wertschöpfungsketten und entsprechende Geschäftsmodelle noch recht unklar.

Fragen wie:

· Was hat der Kunde konkret davon?
· Was ist der Kunde bereit dafür zu zahlen?
· Wer verdient (zusätzliches) Geld damit?

konnten teilweise nur sehr fragmentarisch beantwortet werden.

Wir als PAC beleuchten nachfolgend die wichtigsten Trends und Fragestellungen primär aus IT-Sicht, natürlich mit Berücksichtigung des Business/IT-Alignments:

Plattformen und Gateways

Fast alle Marktteilnehmer haben verstanden, dass die Vernetzung – geschäftlich, organisatorisch und technisch – ein wichtiger Erfolgsfaktor ist und sein wird. Damit treten einzelne, proprietäre Lösungen in den Hintergrund, da hiermit die Vernetzung erschwert und verteuert sowie eine kritische Masse an Teilnehmern nur schwer erreicht wird. Das wichtige Designmerkmal kann also ein „Plattform-Ansatz“ sein, der mittlerweile von einer deutlich dreistelligen Anzahl von Anbietern verfolgt wird. Über solche Plattformen werden Austausch, Integration und Standardisierung erheblich erleichtert.

Die Ansätze der Anbieter unterscheiden sich dementsprechend je nachdem, aus welchem Bereich sie kommen:

- Aus dem IT-/Cloud-Umfeld (Amazon Web Services, Microsoft Azure, IBM, …)  – hier stehen IT-Services und Plattformen im Vordergrund
- Fertigungs-/produktionsnahe SW- & Service-Anbieter (Siemens, Bosch, Dassault, PTC, …) – hier stehen das Know-how zu Fertigungsprozessen und teilweise eigene SW-Produkte im Mittelpunkt
- „Klassische“ C&SI-Anbieter (Accenture, Atos, Infosys, Capgemini, …) entwickeln auch eigene Plattformen auf Basis von Open Source in Verbindung mit Plattformen aus dem IT-/Cloud-Umfeld
- Spezielle IoT-Integratoren/Start-ups (Relayr, …)  – mit Fokus auf Integration und nicht auf einer „eigenen“ Lösung

Ergänzt werden diese Plattformen u.a. durch entsprechende Teillösungen aus Sensorik (z.B. Sick AG), Verbindungstechnik (z.B. Phoenix Contact), Robotik (z.B. Kuka) und Automatisierung (z.B. Beckhoff).

IoT Gateways stellen zwischen unterschiedlichen Netzwerken und Knotenpunkten die Interoperabilität her. Dies ist in der heutigen, hoch heterogenen Landschaft sehr wichtig, bedeutet allerdings immer auch einen erheblichen individuellen Integrationsaufwand. Plattformen mit weitgehend standardisierten Schnittstellen sind theoretisch der denkbar bessere Ansatz.

Für viele industrielle IoT-Nutzer stellt sich zur Zeit die entscheidende Frage, welche Plattform die geeignete für erfolgreiche Implementierungen und nachhaltige Weiterentwicklungen ist.

Bei diesem Auswahlprozess sollten folgende typische Fehler vermieden werden:

  • Der deutsche Ingenieursansatz“ – Oftmals wird ein sehr komplexer und langwieriger Auswahlprozess angestoßen, bei dem am Anfang die Aufnahme der Anforderungen, ein Lasten- und Pflichtenheft seht. Dies ist in diesem Umfeld wenig erfolgversprechend, da das Angebot sehr dynamisch ist und sich darüber hinaus auch die Anforderungen sehr schnell weiterentwickeln. Es gilt also auch in diesem Kontext, agile und dynamische Auswahlprozesse einzusetzen.
  • Eine Lösung für die Ewigkeit“ – Da der Markt, das Angebot und die Anforderungen sehr dynamisch sind, können keine üblichen Abschreibungszyklen von 10-15 Jahren zugrunde gelegt werden. Dies darf aber keineswegs dazu führen, dass die Investitionen komplett gestoppt werden. Vielmehr kann eine heute ausgewählte Lösung schon in wenigen Jahren veraltet sein. Somit muss ein Business Case für 3-5 Jahre gerechnet werden, auch wenn dies im Ergebnis ein Investment in F&E und die grundsätzliche Weiterentwicklung des Unternehmens bedeutet.
  • Die eierlegende Wollmilchsau“ – Im sich neu entwickelnden, sehr heterogenen Markt gibt es nicht einen einzelnen Anbieter, der alle Anforderungen auch nur annähernd erfüllt. Daher muss zunächst der zur eigenen Strategie passende Partner gewählt und anschließend selektiv ergänzt werden. Auch dabei ist die Schnelligkeit der Entwicklung gegenüber der Vollständigkeit der Lösung zu priorisieren.

Cloud als Datendrehscheibe

Ganz klar zeichnen sich Cloud-Architekturen und -Infrastrukturen als Datendrehscheibe für zukünftige IoT-Lösungen ab. Einige Anbieter auf der HMI sprachen noch von „eigenen“ Cloud-Lösungen, z.B. aus Sicherheitsgründen. Dies ist aus Sicht von PAC nicht zielführend und auch nicht durchzuhalten. Der Trend geht dabei eindeutig in Richtung Hyperscaler (Amazon, Microsoft, Deutsche Telekom, …), schon allein aus Gründen der Skalierbarkeit und Kosteneffizienz. Auch IoT-Security-Lösungen müssen auf diesen Plattformen implementiert werden. IoT-Security wird künftig noch eine wesentliche Rolle spielen, da der noch ungelöste Konflikt zwischen „Transparenz von Daten/Datenaustausch und Datensicherheit“ aus unserer Sicht mehr und mehr offenkundig wird.

Konkrete Fallbeispiele

Anwenderunternehmen und potenzielle IoT-Lösungs-Kunden sind extrem stark an konkreten Fallbeispielen interessiert, wie auch die Nutzung des PAC Innovation Register eindrucksvoll zeigt. Auf der HMI hatten wir eine Vielzahl von „neuen“ Business Cases, Fallbeispielen und Referenzen erwartet, wurden aber gerade durch die anwesenden IT-Anbieter etwas enttäuscht. Wohl konnte man über generische Modelle diskutieren, Konkretisierungen mit Nennung des Kundennamens waren aber oftmals (noch) nicht möglich oder gewollt. Natürlich stellt sich uns dabei die Frage, ob dies an der Unreife der genannten Projekte oder schlechtem Referenz-Marketing liegt. Umso mehr sind wir angespornt, unser PAC Innovation Register mit mittlerweile über 200 veröffentlichten Fällen weiter auszubauen.

Summary

Der Einsatz von IoT und die Entwicklung von entsprechenden Lösungen und Geschäftsmodellen entwickeln sich weiter, sind aber noch immer durch starke Unsicherheit geprägt. Viele Industrieunternehmen wissen und ahnen schon die drastischen Veränderungen, haben für sich selbst aber noch kein schlüssiges künftiges Geschäftsmodell entwickelt oder die entsprechenden Architekturlandschaften bereits produktiv im Einsatz.

Die Plattformfrage ist weiterhin sehr wichtig und ungeklärt; das wird sich auch kurzfristig nicht ändern. Zusätzlich stehen die Unternehmen vor der Aufgabe der Integration bestehender Lösungen („Brownfield-Approach“). Umso mehr müssen gerade deutsche Industrieunternehmen neue Wege gehen und in vielen Punkten dynamischer und agiler werden. In China dagegen wird oft der „Greenfield-Approach“ verfolgt, der den flächendeckenden Einsatz neuester Technologien zumindest erleichtert.