Hannover Messe Industrie: Aufbruchstimmung Richtung Industrial Internet

Hannover Messe Industrie: Aufbruchstimmung Richtung Industrial Internet

Die Hannover Messe Industrie (HMI) hat ihre Rolle als Gradmesser für die Innovationskraft der weltweiten Fertigungsindustrie untermauert: Dominierte im letzten und in den vergangenen Jahren das Thema Industrie 4.0 die Ausstellungsfläche, hat sich die Branche innerhalb eines Jahres bereits einen Schritt weiterentwickelt. Das beherrschende Thema der diesjährigen Messe war Industrial Internet. Untermauert wird die Entwicklung aus unserer Sicht auch dadurch, dass sich die MES-Lösungen im Kontext von Industrie 4.0 immer mehr in Richtung umfängliche Industrie 4.0-Lösungen entwickeln und in diesem Zusammenhang auch ihren Weg in die Cloud finden.

Hinter der Unterscheidung zwischen Industrie 4.0 und Industrial Internet verbirgt sich keine Wortklauberei oder Marketing-Kosmetik, sondern eine inhaltliche Weiterentwicklung. Fokussiert sich Industrie 4.0 vor allem auf die Digitalisierung interner Produktionsprozesse mit Enabling-Techniken wie Automatisierung, Analytics, Sensorik, Cloud, Mobility, Vernetzung und Security, wirken die Einflüsse des Industrial Internet über die Grenzen des Werkstores hinaus: Industrial Internet umfasst die Digitalisierung der Produktentwicklung, der Kundenkontakte sowie der Produkte selbst. Die zugrundeliegenden Techniken sind vergleichbar, also Analytics, Cloud, Security, Sensorik und Connectivity, gehen aber an der einen oder anderen Stelle darüber hinaus (etwa künstliche und kognitive Intelligenz, Kunden- und offene Datenschnittstellen).

Das betrifft unter anderem das Konzept des „Digital Twin“. Bereits im Planungs- und Entwicklungsprozess wird für jede Anlage und Maschine sowie für jedes Produkt ein virtuelles, digitales Abbild erstellt. In der Entstehungs- und Designphase erlaubt dieser digitale Zwilling umfangreiche Simulationen ohne die Notwendigkeit, einen physischen Prototypen zu bauen. Nach der Produktauslieferung kann der digitale Zwilling entweder zur Dokumentation von Umbauten und Ersatzteilaustausch oder auch für Fernwartungszwecke (mit Hilfe von VR- und AR-Brillen) dienen. Das Konzept ist nicht neu, gewinnt jedoch aufgrund von technologischen Fortschritten in der Grafikverarbeitung und dank Cloud Computing (als Delivery-Plattform für Daten) enorm an Fahrt und war konsequenterweise ein bedeutendes Thema der diesjährigen HMI.

Womit wir beim nächsten Top-Thema der Hannover Messe wären: IoT-Plattformen. Die Auswahl an IoT-Plattformen ist schwindelerregend und eine Marktbereinigung unumgänglich. Im Wettbewerb um den Kunden bauen die Anbieter die Fähigkeiten ihrer IoT-Plattformen, vornehmlich im Bereich des technischen Funktionsumfangs und bei der Verfügbarkeit neuer Standard-Anwendungen, zügig aus. Das betrifft insbesondere auch das Ökosystem, was nur konsequent ist, denn nur solche IoT-Plattformen können als ernsthafte Option gelten, die ihren Kunden Zugang zu einem umfangreichen Anwendungsbaukasten bieten. Ohne ein Ökosystem an Partnern, das rund um eine IoT-Plattform eine Vielzahl an unterschiedlichen Applikationen entwickelt, ist das nicht möglich. Vor diesem Hintergrund sind Ankündigungen etwa von Siemens, Bosch und SAP nur folgerichtig, ihre IoT-Plattformen zügig zu Marktplätzen auszubauen.

Als Randthema erwies sich auf der diesjährigen Messe das in anderen Branchen viel diskutierte Thema Blockchain. Zwar gibt es diverse Ansätze, Ideen und Piloten, die Blockchain auch im industriellen Umfeld einzusetzen, echte operationale und vorzeigbare Anwendungsfälle sind jedoch Einzelfälle. Ankündigungen von Firmen wie IBM, Bosch, Siemens oder Walmart, die schon auf Blockchain-Projekte verweisen, sind derzeit noch eher als Testballons zu werten. Denkbar ist die Blockchain-Technik überall dort, wo der Zugang zu digitalen Informationen vielen Partnern offenstehen sollte, Veränderungen aber verhindert oder zweifelsfrei dokumentiert werden müssen. Der Digital Twin oder der Austausch von geschützten 3D-Druckdateien sind potenzielle Anwendungsfälle.

Die genannten Beispiele zeigen nur einen kleinen Ausschnitt aus der Themenvielfalt der Hannover Messe. Auffallend war zudem, dass mehr und mehr IT-Firmen den Weg zur Industriemesse finden und der CeBIT eher den Rücken kehren. Obwohl beide Messen gemessen an der Besucherzahl nahezu gleichauf sind (CeBIT: 200.000 Besucher; HMI: 225.000 Besucher), ist die Stimmungslage komplett unterschiedlich. Während die Hannover Messe wächst und zunehmend internationales Publikum sowie neue Aussteller anzieht (6.500 Aussteller), wird die CeBIT gerade in einer Art Notoperation grundlegend überholt: Sie soll im kommenden Jahr mit neuem Konzept (mehr junges Publikum) und neuem Termin (Juni) vor dem schleichenden Tod gerettet werden.